Wenn Martineer in die Ferne streben ...

 

Drei Martineer und langjährige Mitstreiter der Tansania-AG - Dominik Hermann, Tobias Bernt und Anna Thews - haben sich nach ihrem Abitur 2017 entschieden, für ein halbes bzw. ganzes Jahr die gewohnten Gefilde zu verlassen und neue Eindrücke sowie Erfahrungen in Tansania und Indien zu gewinnen. Sie leben das Motto des Martineums "Vielfalt statt Einfalt" und haben aufgrund ihrer Erfahrungen durch die Tansania-AG und der Tansania-Fahrt die Ziele und Vorstellungen des Martineums als UNESCO-Projektschule verinnerlicht: Fremde Kulturen (er)leben, neue Freundschaften schließen, interkulturelle Verständigung, Begegnung auf Augenhöhe.

Wir können stolz sein auf sie!

Die Erfahrungsberichte bzw. Rundbriefe können unter dem folgenden Link gelesen werden:  >Hier klicken<

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Erfahrungsbericht von Philipp Schuze aus seinem Freiwilligenjahr in Tansania

 

Hier können Sie den ersten Rundbrief von Philipp Schulze lesen, den er als Teil seines Erfahrungsberichts über sein Freiwilligenjahr an der Lupalilo Secondary School verfasst hat.

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Angelique Brink                                            Projektteilnehmerin 2012-2016

 

Denke ich zurück, wieso ich das erste Mal nach Tanzania fahren wollte, fallen mir folgende Stichworte ein: die Massai sehen, wilde Tiere hören, Ugali essen, die Natur fühlen. Zusammengefasst kann ich sagen, ich wollte ‚Dinge wahrnehmen‘. Meine Einstellung zum Reisen hat sich dann aber in Tanzania sehr verändert. Für mich ist Reisen nun nicht mehr sich Sehenswürdigkeiten und Museen anzuschauen. Deshalb kann man auch nie perfekt auf eine Reise vorbereitet sein. Auch wenn wir die Landeskunde, Vokabeln und Formulierungen auswendig gelernt haben, die Menschen lernt man erst Vorort kennen bzw. gewinnt einen ersten Eindruck von diesem fremden Land. Nach etwas über drei Wochen hatte ich nur einen Bruchteil von der Kultur, dem Alltag und den kleinen feinen Eigenheiten des Landes entdeckt, trotzdem war ich beeindruckt.

Wenn mich jetzt jemand fragt, wieso ich nach Tanzania fahre, ist meine Antwort einfach: ich tue es hauptsächlich für mich. Ich bestreite diese Reise nicht, weil ich helfen will, sondern weil ich etwas lernen und Erfahrungen sammeln will - Menschen kennen lernen und Kontakte knüpfen will, Neues probieren und über mich hinauswachsen möchte. Ich will also etwas lernen – über die Lebensweise unserer Partner, aber gleichzeitig auch über mich selbst. Die Reise hat in mir viel ausgelöst und mich viel zum Nachdenken gebracht, und dies ist mir noch viel mehr wert als der hübsch gemusterter Kanga oder die niedliche Holzschnitzereien – wobei mich gerade diese Mitbringsel von Zeit zu Zeit immer wieder an die Reise zurückdenken lassen.

Voneinander lernen kann man auf unterschiedliche Weise. Beim ‚Steine herstellen‘ sind wir einmal in die Rolle der tansanischen Schüler geschlüpft – zur großen Erheiterung aller Beteiligten. So konnten wir nicht nur miteinander lachen, sondern hatten einen kleinen Eindruck von der anspruchsvollen Arbeit. Die Schüler stellen selber Lehmsteine für den Bau von Schulgebäuden her. Aus diesem Grund wollten wir einmal testen, wie schwierig das ist. Der erster Schritt ist die Holzform zu säubern und dabei am besten nicht in das modrige Wasserloch plumpsen, in dem wir bis zu den Knien stehen. Dann muss der rote, feuchte Lehm in die Form verfrachtet werden und dann schütteln und rütteln bis hoffentlich kein Luftloch mehr da ist. Jetzt die schwere Form umkippen und ein mehr oder weniger perfekter Lehmstein kann nun trocknen, bevor er mit allen anderen Steinen gebrannt wird. Um uns herum lagen schon viele hundert Steine, die von den Schülern in letzter Zeit geformt worden waren- was für eine Leistung! Das konnten wir jetzt ermessen.

Die letzte Distanz zwischen uns wurde gebrochen, als wir Mr. Ng´ella – unseren Partnerschaftslehrer in Lupalilo - und unseren Lehrerinnen, die nur zugeschaut hatten, mit Lehm die passende „Kriegsbemalung“ verpassten. Dieser Tag rückte alle etwas näher aneinander und blieb uns besonders im Gedächtnis.

 

Philipp Schulze                                                                Projektteilnehmerin 2009 - 2016

Mapembelo , mein Name ist Philipp, ich bin ehemaliger Schüler des Martineums in Halberstadt und Mitglied der Tanzania Kreis AG. In den Jahren 2010 und 2013 hatte ich das große Glück an den Projekt- und Begegnungsreisen zu unserer Partnerschule der Lupalilo Secondary School teilnehmen zu dürfen.

Wenn ich berichten möchte, was ich während der Reisen alles lernen durfte, kann man den einzelnen Erfahrungen so etwas wie Überschriften geben.

Dabei wäre die erste und gewichtigste das Abbauen von Vorurteilen. Ich habe durch die Reise lernen können Vorurteile zu erkennen und zu hinterfragen, bis ich es selber beurteilen kann. Außerhalb des Tanzania-Kreises habe ich in der Schule kaum etwas vom afrikanischen Kontinent gelernt, außer etwas Kolonialgeschichte und die Big Five der Serengeti. In den Medien ist die Darstellung von afrikanischen Staaten meist auf Krisen in einzelnen Regionen beschränkt , sodass ich ein völlig falsches Bild vermittelt bekam , welches ich jedoch auf Grund fehlender Quellen so annahm, bis ich dem Tanzania- Kreis beitrat. In Tanzania konnte ich dann erleben, was man hier in Deutschland nicht sieht, nämlich ein Land mit einer großartigen kulturellen Vielfalt , einer unglaublichen Natur und Menschen, die wie wir leben in Glück und mit Problemen. So merkte ich gerade auf der zweiten Reise, wie aus der “ Wir hier – Sie dort- Mentalität“ der zwei Schülergruppen während des Kennen-lern-Prozesses ein „Wir!“ wurde, einfach durch die Begegnungen. Ich habe für mich gelernt nach den Hintergründen von kulturellen Prozessen zu forschen und sie nicht direkt abzulehnen, nur weil sie anders sind als jene, die ich kenne.

Ein Beispiel dafür ist das tanzanische Schulsystem, welches wir kennen lernten, indem wir einen Unterrichtstag als „tanzanische Schüler“ die Lupalilo Secondary School besuchten. Um 5 Uhr morgens standen wir auf und gingen ohne Frühstück den ca. einstündigen Fußweg zur Schule durch Berg und Tal. Angekommen an der Lupasec nahmen wir am Fahnenappell teil und uns wurden die Fingernägel auf Sauberkeit kontrolliert, dann ging es in die Klassen. Dort faszinierte mich besonders die vergleichsweise wirklich andere Wertung von Bildung durch die Schüler, welche interessiert und aufmerksam den ganzen langen Schultag mitarbeiteten und mitdachten, während deutsche Lehrer in ihrem Unterricht teilweise um die Aufmerksamkeit der Schüler kämpfen müssen. Für mich als mittelmäßiger und relativ fauler Schüler begann auch dort in Tanzania ein Lernprozess, der mir ein Stück weit klar machte, wie sehr man kostenlose Bildung schätzen sollte und welche Macht das vermittelte Wissen in sich trägt. Nach dem Unterricht war der Schultag aber noch nicht vorbei. Gemeinsam mit unseren Partnerschülern formten wir Lehmziegel und legten sie zum Trocknen. Auch damit war ein Lernprozess verbunden , denn auf dem nach-Hause- Weg durch den Ort Ikonda merkten wir, dass die Reaktionen auf uns, die wir lehmverschmiert und schmutzig durch die Gegend liefen, eine andere war als sonst. Man sah uns an, dass wir gearbeitet hatten und die Menschen in Ikonda freuten sich darüber, so konnten wieder Vorurteile abgebaut werden. Ich war beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und dem hohen Arbeitspensum des tanzanischen Schulalltags. Da ist unser Alltag viel sorgloser. Es gab auch eine Menge Gemeinsamkeiten am Schulleben und an den Interessen der Jugendlichen zu entdecken. So spielten auch die Lupalilo- Jungs nach der Schule Fußball, die Schüler hatten Tanz- Gruppen, hörten und performten tanzanischen Rap (Bongo Fleva) oder tauschten sich über die letzte Klassenarbeit aus.

Eine weitere Überschrift wäre Familie. Bei unserem gemeinsamen Familienprojekt durften wir in verschiedenen Gruppen die Partnerschüler und ihre Familien in ihren Häusern besuchen. In Gesprächen erfuhren wir, dass sogar die Träume der Jugendlichen von zwei unterschiedlichen Kontinenten sich sehr ähnlich sind, wenn sie auch von unterschiedlichen Einflüssen geprägt waren. So erzählte uns Timotheo, dass er sich wünschte Arzt zu werden, Menschen zu helfen und eine Familie zu gründen, die er gut versorgen kann. Jedoch wollte er auch Geld verdienen, damit seine kleinen Geschwister auch zur Schule gehen können. Auch hier wurde mir klar, was wirkliche Probleme sind und wünschenswerte Ziele sind.

Dabei lernte ich auch, dass viele Familien in Tandala und Ikonda etwas wie ein Feld oder Garten hatten , mit denen sie sich teilweise autark versorgen , was nicht nur finanziell Sinn macht, sondern auch noch nachhaltig ist und einer Einkauf- und Wegwerfgesellschaft mit undurchschaubaren Wertschöpfungsketten, wie wir sie in Deutschland größtenteils haben, stark entgegenwirkt. Davon könnten hier alle etwas lernen.

Eine große Freude war es für mich die tanzanische Musikvielfalt intensiver kennen lernen zu dürfen. Besonders Bongo Fleva begeisterte mich, in welchem, ähnlich wie beim deutschen Rap, innerhalb der Texte von Künstlern wie Professor Jay soziale Probleme angesprochen werden und Kritik am System geübt wird. Auch Kwaito, eine Art Formationstanz zu Clubmusik, durften wir auf der Hochzeit von unserem Freund Kirimia und seiner Frau Oresta kennen lernen und waren begeistert vom Rhythmusgefühl und der Tanzfreude von Jung und Alt.

Das wohl interessanteste und eines der wichtigsten Themen war und ist immer wieder das Essen. Denn schon auf der ersten Reise war das Erste, was ich neben den Begrüßungen auf Swahili zu sagen lernte, „Chakula vizuri sana“, „das Essen war sehr gut“. Die tanzanische Küche, ist auch vielfältig und vor allem sehr lecker. Ich mochte besonders Chipsi Majai , auch tanzanischen Spinat und die leckeren Mandasi. Auf der ersten meiner Reisen habe ich diese Speisen nur gegessen, auf der zweiten durfte ich sie mitkochen und lernte, wie viel Arbeit darin steckt. Wir empfanden eine besondere Hochachtung vor den tanzanischen Frauen. Es wurde auf offenem Feuer gekocht, dabei brennen nicht nur den Augen von dem beißenden Qualm, sondern es erfordert auch sehr viel Vorsicht, denn die Gefahr, sich zu verbrühen oder zu verbrennen, ist sehr hoch. Auch dem Management der Mengen an Essen, die gekocht werden müssen um die Schüler zu versorgen, habe ich großen Respekt gezollt.

Bei dem Besuch der Massai lernten wir ebenfalls etwas über Essen, denn dort durften wir beim Schlachten einer Ziege zusehen. Kaum einer konnte es ertragen zuzugucken. Dabei hatte sie bis dahin eine artgerechte Haltung erfahren und nie gelitten. Von da an hinterfragten wir unsere eigenen Essgewohnheiten und die Massentierhaltung. Vegetarier sind wir nicht geworden, aber wir achten seitdem viel mehr darauf, woher das Essen kommt und wie es hergestellt wird.

Die Bedeutung des gemeinsamen Essens war auch ein Thema. Während ich es so gewohnt war, dass man nebenbei beim Fernsehen sein Essen zu sich nimmt ohne es dabei richtig wahrzunehmen, sitzt man in Tanzania mit der Familie, Freunden oder Gästen zusammen , lernt sich kennen , redet dabei , man stellt fest, dass das Essen dabei eine ganz andere Rolle spielt. Oft wurden wir auch zum Essen eingeladen, und hatten so die Möglichkeit neue Bekanntschaften zu schließen.

In jedem Fall haben diese Reisen mein Weltbild stark verändert und mich gelehrt, bei Prozessen, die ich nicht verstehe, erst einmal mich und dann die anderen zu hinterfragen.